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sarah_daum

Brennessel aus dem Garten zu Fasern verarbeiten

Kleine Do-it-yourself Anleitung für ein Seil
Zusammenfassung

Ein kurzes Seil als Schlüsselanhänger und andere Dinge aus Brennesselfasern selbst herstellen – praktische Anleitung

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Brennnesseln gelten oft als lästiges Unkraut – dabei steckt in ihnen ein erstaunlich robuster Naturrohstoff. Schon seit Jahrtausenden werden ihre Fasern zur Herstellung von Schnüren, Netzen und sogar Kleidung genutzt. In diesem Artikel erfährst du Schritt für Schritt, wie du aus Brennnesseln ein kleines, stabiles Seil herstellen kannst – mit einfachen Mitteln und etwas Geduld.

Im Artikel zur Bodenreinigung von Schwermetallen mit Pflanzen in der Region Freiburg haben wir dazu auch die Brennessel erwähnt. Ihre Fasern können während dieser Maßnahme als Nebenprodukt gewonnen und genutzt werden.

Warum Brennnesseln

Die Große Brennnessel (Urtica dioica) enthält lange, reißfeste Bastfasern in ihren Stängeln. Diese sind:

  • überraschend stabil

  • leicht zugänglich

  • komplett biologisch abbaubar

Perfekt also für DIY-Projekte, Bushcraft oder nachhaltiges Handwerk.

Was du brauchst

  • Getrocknete Brennnesselstängel

  • Tafelmesser

  • evtl. zwei Kardierbürsten

  • Weidenast

  • Gartenschere

  • Taschenmesser

  • Holzbrett und Nudelholz, Stofftuch

  • evtl. Metallring und Haken für Schlüsselanhänger, wenn du das Seil als Schlüsselanhänger nutzen möchtest.

  • ca. 1 m rauer Faden, z.B. Hanfschnur

  • evtl. eine Schale mit Wasser

Schritt 1: Die richtigen Pflanzen sammeln

Suche nach hohen, kräftigen Brennnesseln mit möglichst dicken Stängeln. Der beste Zeitpunkt ist:

  1. Herbst und Winter: wenn alle Blätter vom Stängel abgefallen sind und die Stängel noch aufrecht stehen, ist es ein guter Zeitpunkt für die Ernte. Je nach Standort und Klima findest du diese ab Oktober, an feuchten Standorten bis Februar/März. Haben die Stängel Frost abbekommen, lösen sich die Fasern einfacher.

  2. Schneide die Stängel nahe am Boden ab. Wichtig: trocken lagern!

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    Stängel
    Stängel

Schritt 2: Fasern gewinnen

  1. Drücke oder knicke den Stängel leicht an mehreren Stellen.

  2. Ziehe die äußere Schicht (Rinde) vorsichtig ab.

  3. In dieser Schicht befinden sich die langen Fasern.

  4. Alternativ kannst du die Fasern auch gebündelt in das Stofftuch hüllen und so auf dem Holzbrett mit dem Nudelholz schlagen, damit die Holzteilchen brechen. Oder du kannst auf ihnen auf einem harten Boden herumlaufen.

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    Stängel brechen
    Stängel brechen

Schritt 3: Fasern vorbereiten

  1. Nimm ein Bündel von etwa 20 Fasersträngen und reibe diese in der Hand, drücke sie zusammen und reibe wieder, so dass Staub und restliche Holzteilchen abfallen.

  2. Wenn kaum noch etwas abfällt, nimm ein Tafelmesser und ziehe die einzelnen Faserstränge immer wieder zwischen Daumen und Messerklinge hindurch. So erhältst du ein Büschel lange Fasern.

  3. Die kürzeren Fasern, die dabei heraus geschabt werden, kannst du mit den Kardierbürsten bürsten und so zu bauschigem Garn verarbeiten, z.B. für Kissenfüllungen.

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    Reiben
    Reiben

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Schaben
Schaben
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Kardieren
Kardieren

Schritt 4: Kreuz-Handspindel bauen

Brennesselfasern lassen sich gut mit einer Handspindel verdrillen. Dafür kannst du dir eine Handspindel aus Weidenzweigen einfach selber bauen:

  1. Schneide aus dem Weidenast mit der Gartenschere einen geraden Zweig von 20-25 cm Länge mit einem Durchmesser von ca. 1 cm. Zusätzlich zwei kürzere Zweigstücke von 12-14 cm Länge mit einem Durchmesser von ca. 1,5 cm Länge. Diese beiden müssen gleich lang und gleich dick sein.

  2. Die beiden kürzeren Zweigstücke werden in der Mitte ein Stück mit dem Taschenmesser auf dem Holzbrett vorsichtig gespalten, so dass der längere Zweig hindurchpasst.

  3. Spitze den längeren Stab an einem Ende mit dem Taschenmesser an, damit du ihn durch die beiden Spaltöffnungen schieben kannst. Diese werden dann kreuzweise angeordnet.

  4. Schnitze eine Kerbe in das obere Ende der Spindel

  5. Bricht ein Zweig dabei oder der Schaft zu locker ist, kannst du ihn mit einer Schnur zusammenbinden.

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    Handspindel
    Handspindel

Schritt 5: Schnur drehen

Um einen stabilen Faden herzustellen, braucht es etwas Fingerspitzengefühl und Geduld:
 

  1. Binde an den Schaft der Spindel einen Lauffaden von etwa einem halben Meter Länge (kann ein Faden aus einem anderen Material sein, nicht zu glatt damit er gut haftet). Hänge diesen Faden nun an der Kerbe an der Spitze der Spindel mit einer Schlinge (kein Knoten) ein

  2. Nimm ein Büschel Fasern und ziehe einige Fasern heraus. Lege sie an den Lauffaden an oder knote sie daran fest.

  3. Drehe dann die hängende Spindel in eine Richtung.

  4. Sobald du einen Drall am Faden spürst, gib dem Faden etwas nach und lass ihn sich eindrehen.

  5. Ziehe dann wieder neue Fasern aus dem Büschel, die sich mit dem Schwung der Spindel weiter verdrehen. Drehe erneut, wenn die Spindel zu langsam wird.

  6. Der gesponnen Faden wird immer länger und die Spindel hängt immer tiefer. Fange sie auf, hake den Fasern aus, wickle ihn auf und hänge ihn erneut ein.

  7. Dann geht es weiter. Zum Ansetzen eines neuen Faserbündels nimmst du die Spindel am besten zwischen die Beine.

  8. Befeuchte deine Finger zwischendurch immer wieder mit Wasser oder Spucke, dann haften die einzelnen Fasern besser aneinander.

  9. Hast du ein Knäuel Schnur gesponnen, so kannst du den mittleren Zweig und dann die verkreuzten Zweigstücke aus dem Knäuel ziehen und hast das Knäuel in der Hand.

  10. Spinne ein zweites Knäuel Schnur.

  11. Aus dieser Schnur kannst du nun verschieden Dinge herstellen, z.B. Makrame knüpfen, Topfuntersetzer häkeln, Taschen häkeln etc.

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    Schnur einspannen
    Schnur einspannen

Schritt 5: Dein Seil fertigstellen

  • Nimm nun beide Knäuel und wickle sie auf

  • Dann verdrehe sie beide zu einer Kordel: Dabei knotest du sie an einem Ende beide zusammen und gleichzeitig bindest du sie dabei an den Ring für den Schlüsselanhänger. Diesen befestigst du dann mit einem kleinen Stück Schnur z.B. an einem Stuhlbein oder einer Türklinke, besser geht es wenn ihn eine andere Person einfach in der Hand hält.

  • Dann drehst du beide Schnüre miteinander in eine Richtung, dabei baut sich Spannung auf.

  • Fasse die beiden Schnüre dann in der Mitte ihrer Länge und halte sie fest, wobei du deren Enden zum Anfang mit dem Schlüsselanhängerring zusammenführst. Dabei verkordeln sie sich miteinander.

  • Befestige den Schlüsselhaken am Ring. Nun ist das Seil mit Schlüsselanhänger fertig.

  • Wenn du möchtest, kannst du es mit Färbepflanzen wie z.B. Zwiebelschalen oder Walnussblättern einfärben.

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    Schnur
    Schnur

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Kordel drehen
Kordel drehen
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Schlüsselanhänger
Schlüsselanhänger

Buchtipp: Weitere Infos rund um die Brennnessel als Superpflanze und Do-it-Yourself-Anleitungen zur Fasernutzung findest du im Buch „Das Brennessel-Buch“ von Mechtilde Frintrup

 

Hinweis zur Nutzung der Brennesselfasern bei gleichzeitiger Bodenreinigung (Phytosanierung) von Schwermetallen in der Region Freiburg (lies dazu auch diesen Blogartikel):

Der Gehalt an Schwermetallen in der Brennessel lag laut einer Studie (1) zur Phytosanierung mit Brennesseln in einem tschechischen Bergbaugebiet mit vergleichbaren Schwermetall-Konzentrationen im Boden wie in den belasteten Bereichen im Stadtgebiet Freiburg (Kappler Tal, Dreisamufer) mit 43mg/kg im Stängel weit unterhalb des gesetzlichen Grenzwertes für Fasern (500mg/kg), und auch unter den strenger angesetzten Öko-Grenzwerten (90mg/kg). Da die Brennessel die Schwermetalle langsam aufnimmt, sind diese Werte so gering, so dass die Fasernutzung unbedenklich erscheint.

Fazit: Die Schwermetall-Konzentrationen in den selbst geernteten Brennessel-Fasern sollten nach unseren Einschätzungen die Grenzwerte für Schwermetalle in Fasern nicht überschreiten, wenn in den mit Schwermetallen belasteten Gebieten der Region Freiburg Brennnessel kultiviert wird.

 

 

Quellen:

 

(1) https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5145202/

Zuletzt geändert
11.05.26, 23:44